pressemitteilung des vereins | dienstag, 22. november 2011

Foto: jacoop

Neubau am Münchner Tor - ein Präzedenzfall?

Endlich mal wieder ein engagiert vorgetragener Antrag für eine Bebauung in der historischen Kernstadt. Fein ausgearbeitet und begründet und das obwohl zunächst nur ein Antrag auf Vorbescheid, das heißt es wird zunächst der Städtebau beurteilt, die Einbindung in die Nachbarschaft, die Geschossigkeit, Baumasse und die Erschließung.

Die intensive Beschäftigung des Architekten und Bauherrn mit dem Projekt und sein Werben in den Gremien und in der Öffentlichkeit waren zunächst ungewohnt aber vielleicht erforderlich. Auch für Fachleute erschließt sich die Problematik des Projekts nicht unmittelbar und auch nach intensiver Beschäftigung verbleiben Fragen. Ein eindeutiges Für oder Wider fällt zunächst schwer.

Was ist geplant? Statt in unmittelbarer Nähe zur nachbarlichen Bebauung sieht der Vorschlag auf dem Grundstück ein terrassiertes Haus vor, das sich in großen Teilen in den Hang versteckt, mit seiner gestaffelten Bauweise die noch ablesbare Hangneigung aufnimmt und für den Betrachter der vor dem Münchener Tor steht, den spektakulären Blick zur Burg Trausnitz frei lässt. Das Gebäude öffnet sich fast komplett nach Norden zur historischen Stadt. Die Erschließung erfolgt südlich des Münchner Tors durch einen Rest der Stadtmauer.

Es geht um die historische Stadt an besonderer Stelle: Hier trifft der steil geneigte Hang auf den Stadtboden. Landschaft und bebaute Stadt im Kontext und Spannungsverhältnis. Man muss nicht davon ausgehen, dass die Hangfläche immer mit Bäumen bestanden war, sie war aber immer begrünt, eine Bebauung aus damaliger Sicht technisch nicht realisierbar. Ein ähnliche Situation, aber noch viel ausgeprägter begegnet uns am Dreifaltigkeitsplatz. Hier tritt der Berg ganz nah an die Stadt heran und ist unmittelbar erlebbar. Zusammen mit der Annäherung der historischen Stadt an die Isar im Bereich der Heilig-Geist-Kirche und am Ländtorplatz sind damit die wichtigsten Orte im Stadtbild geprägt, in denen sich der Bezug zur Landschaft und Natur auch im heutigen Stadtbild noch erhalten hat.

Die räumliche Situation, die erfolgten Veränderungen, die Bedeutung der Reste der Stadtmauer sind heute auch aufgrund der akribischen Auseinandersetzung des Architekten mit dem Ort bekannt, können und müssen mit einbezogen werden. Dem Rezipienten werden Höhe der ehemaligen Stadtmauer, eines ehemaligen Turms in der Stadtmauer, das veränderte Hangniveau und die Blickbeziehung zur Burg Trausnitz durch den Planer wieder in Erinnerung gebracht und für eine Beurteilung der Aufgabe Teil der Diskussion.

Die Lage des Münchner Tors und damit der Verlauf der Stadtmauer kamen nicht von ungefähr: Hier war der Hang steil und gut zu verteidigen. Die Sicht auf die Burg war historisch durch die hohe Mauer eingeschränkt. Von Wichtigkeit für das Konzept Hanseder ist aber die vorgeschlagene Rekonstruktion des Stadtmauerturms. Optisch ist er Ankerpunkt für das sich anschließende Terrassengebäude, funktional unabdingbar um hier einen Teil der inneren Erschließung abzuwickeln. Aus unserer Sicht könnte die Denkmalpflege hier auch einer gelungenen Rekonstruktion zustimmen.

Das Gebäude selber öffnet sich nur begrenzt, die begrünten Terrassen spiegeln eine harmonische Einbindung in die Landschaft vor, aber natürlich sind die Fensterbänder/Öffnungen aus der Innenstadt und von erhöhten Standpunkten aus sichtbar. Gestalterisch ist das beherrschbar, v.a. empfindet man das sich „Wegdrehen“ in den einzelnen Ebenen als positiv.

Was bleibt ist die Frage – und die ist in diesem Stadium der Beurteilung zunächst die Wichtigste – soll an dieser Stelle überhaupt geplant werden? Muss hier so intensiv in den Hang eingegriffen werden? Entsteht gegebenenfalls ein Präzedenzfall für weitere ähnlich gelagerte Situationen?

Die ersten zwei Fragen wären aus unserer Sicht zunächst positiv zu beurteilen, wenn es sich bei der Lösung der Aufgabe um richtungsweisende, moderne Architektur handeln würde, die die Auseinandersetzung mit der historischen Stadt sucht und voranbringen würde. Der vorgeschlagene Gebäudetypus müsste dabei so überzeugend in dieser Situation sein, dass er Vorbildfunktion hätte. Die Weiterentwicklung der historischen Kernstadt auch mit neuen baulichen Mitteln ist legitim, die vorgeschlagene terrassierte Bauform im unmittelbarem Kontext zwischen Burg, historischer Altstadt und ehemaligem Münchner Tor erscheint aber nicht zielführend zu sein.


Baurechtlich gesehen entwickelt sich daraus zunächst kein Präzedenzfall, der Bauausschuss wird immer die Möglichkeit einer Einzelbeurteilung haben, eine Grenzüberschreitung ist aber sicher gegeben und es wird zumindest schwerer andere Projekt dieses Bautypus im Kontext der historischen Stadt abzuwehren.

Wichtiger Teil der Beurteilung des Antrags muss aber auch sein, dass das Grundstück mit einem bestehenden Baurecht (genehmigter Antrag auf Vorbescheid) gekauft worden ist. Dieses Baurecht
ist zwar an ganz anderer Stelle und weniger umfangreich, aber man muss auch heute noch davon ausgehen, dass es im Zweifelsfall realisiert werden wird. Und hier liegt die Crux: man kann sich den genehmigten Baukörper in seiner Kubatur, Ausformung und Lage zur Stadtmauer schwerlich vorstellen. Vielleicht war auch das ein Teil der Entscheidungsfindung im Bauausschuss, dass er von zwei Übeln nach vertieftem Nachdenken das Kleinere gewählt hat.

Ralph Kulak
1. Vorsitzender verein architektur und kunst e.v. Landshut